Hochtaunus-Kreis
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Hochtaunus Hilfe für Gewaltopfer: Olaf Velte Frankurter Rundschau

28.07.2017

Seit drei Jahren ist Elke Fuchs mit einer Frau im Gespräch, die regelmäßig Gewalt erleidet. Zu Hause, im vertrauten Bereich. Gewalt, die sich psychisch, körperlich, sexuell offenbart. „Die Trennung gelingt nicht“, sagt die Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS Hochtaunus. Sie zeigt Wege auf, macht Vorschläge – „den Schritt müssen jedoch die Opfer machen“.

In der 1984 gegründeten Außenstelle der bundesweit ehrenamtlich agierenden Hilfsorganisation sind im laufenden Jahr bereits 50 neue Fälle eingegangen. Beileibe aber keine bürokratische Angelegenheit, kein Verwalten und Abhaken. Helmut Gietz, der als Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS ebenso von zu Hause aus arbeitet wie seine fünf Mitstreiter, betont den Zeitaufwand, die tägliche Erreichbarkeit und jene persönliche Zuwendung, ohne die nichts gelingen kann. „Wir sind Lotsen mit hoher moralischer Verantwortung.“

Der aktuelle Straftatenkatalog gilt als typisch. Zwei Drittel aller Hilfsbedürftigen sind Opfer von Körperverletzungen oder sexuellen Übergriffen – „das reicht vom Begrapschen bis zur Vergewaltigung“ – geworden. Andere leiden unter den Folgen von Stalking, Betrug, Einbrüchen. Dreimal ist „versuchte Tötung“ der kriminalistische Hintergrund.

Die Mitarbeiter des WR kümmern sich seit 1976 ehrenamtlich um die Opfer von Kriminalität. Bundesweit existieren 420 Außenstellen mit etwa 3200 geschulten Helfern. Im Hochtaunuskreis sind sechs Ehrenamtler mit durchschnittlich 100 Fällen pro Jahr konfrontiert. Seit Januar konnten sie bereits 50 Opfern helfen – Körperverletzung und sexuelle Gewalt machen hier zwei Drittel aller Straftaten aus.

Schon 2016 sind die Fallzahlen im Jahresvergleich gestiegen. „Trickbetrügereien und das sogenannte Love-Scamming mittels Internet nehmen zu“, sagt Gietz, der seit 2003 ehrenamtlich aktiv ist und als Pensionär eine „fordernde Aufgabe“ gesucht hat. Um die hohen Anforderungen zu bewältigen, ist eine fundierte Schulung maßgeblich. Den zumeist traumatisierten Menschen soll Orientierung gegeben, sinnvoll geholfen werden. Empathie alleine reiche da nicht aus, betont die stellvertretende Außenstellenleiterin Fuchs. „Mitleiden dürfen wir nicht, sondern müssen stattdessen Distanz wahren.“

Gegen die nicht zu unterschätzenden Belastungen wappnet eine Ausbildung, die mit Grund- und Aufbauseminar beginnt, auf Weiterbildung und eventuelle Spezialisierung setzt. Ein Dutzend Lehrgänge sind von Neulingen – „gefestigte Charaktere, idealerweise“ – zu bewältigen. Immerhin umfasst das „Handbuch der Vereinsarbeit“ stolze 448 Seiten.

Zum Hochtaunus-Team gehören zwei Frauen und vier Männer. Den Erstbesuch bei einem Kriminalitätsopfer bewältigt stets ein Duo – Frauen werden von Frauen betreut. Fast die Hälfte aller Fälle erreiche den hiesigen Ring über die Polizei, andere Kontakte seien dem „Opfer-Telefon“ oder Mundpropaganda zu verdanken. „Gespräche mit den Geschädigten sollten nicht mehr als 90 Minuten dauern“, lautet eine Regel für die praktische Arbeit. Neben der „menschlichen Betreuung“ mit entlastenden Unterredungen spielt die Weitervermittlung eine wesentliche Rolle. Hier besteht ein Netzwerk mit Breitenwirkung. So wird das „Hochtaunusinterventionsprojekt gegen häusliche Gewalt“ (HIP) unter anderem von Frauenhäusern, Ambulanzen, Gerichtshilfen, Jugendberatungen oder Polizeistationen gebildet. Und der WEISSE RING hilft ausnahmslos – auch wenn keine Anzeige zu dem jeweiligen Vorfall aktenkundig wurde.

Auf Helmut Gietz’ Handy wurde vor geraumer Zeit auch ein Tötungsversuch gemeldet, der in diesen Tagen gerichtlich verhandelt wird. Am frühen Weihnachtsmorgen vorigen Jahres wurde ein Bad Homburger vor einer Frankfurter Diskothek niedergestochen. „Ihm haben wir einen Anwalt besorgt, auch Ärzte und Psychologen.“ Ein Prozessbegleiter des WEISSEN RINGS wird dabei sein, wenn Recht gesprochen werden soll.

Elke Fuchs weist auf ein weiteres Prinzip hin: „Wir machen den Leuten aber keine falschen Hoffnungen, wir wecken keine Erwartungshaltung.“ Denn nicht immer lasse sich alles zum Guten wenden.